Verschollenes Fundstück

Ein Frankfurter Gladiator - römischer Klappmessergriff rekonstruiert

Gladiatoren-Motive waren als Schmuck verschiedenster Alltagsgegenstände in römischer Zeit weit verbreitet. Dabei zeugen insbesondere geschnitzte Klappmessergriffe von großer Kunstfertigkeit – und der gesellschaftlichen Bedeutung eines kulturellen Phänomens: der Gladiatorenspiele. Ein qualitätsvolles Exemplar aus dem römischen NIDA (Frankfurt-Heddernheim) konnte für die Sonderausstellung »Gladiatoren. Tod und Triumph im COLLOSEVM« nach über 100 Jahren anhand einer erhaltenen Zeichnung rekonstruiert werden.


Das Inventarbuch des Archäologischen Museums Frankfurt verzeichnet einen seltenen und wertvollen Bodenfund: den Griff eines Klappmessers in Form eines Gladiators.
Gefunden wurde er bereits im Jahr 1885 im Gebiet der römischen Siedlung NIDA (Frankfurt-Heddernheim), nähere Fundumstände des Stücks und sein archäologischer Kontext sind jedoch nicht überliefert. Römische Klappmesser kommen sowohl als Siedlungsfunde, als auch als Grabbeigaben vor. Der Griff ist mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem Objekt identisch, das im Bericht des Konservators pro 1886 der Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 20/1, 143 fälschlicherweise als „ein kleines, 9 cm hohes Standbild eines Legionärs“ beschrieben wird. Hierfür spricht neben der übereinstimmenden Größenangabe auch die Ähnlichkeit in der Ausstattung eines Legionärs und des betreffenden Gladiatorentyps.
Das Original ging wahrscheinlich, genauso wie eine im Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu Mainz verwahrte Kopie, in den Wirren des Krieges verloren. Zum Start der Sonderausstellung »Gladiatoren. Tod und Triumph im COLOSSEVM« konnte das außergewöhnliche Artefakt jedoch dank einer erhaltenen Tuschezeichnung und eines Aquarells authentisch rekonstruiert werden.

Die Elfenbeinschnitzerin Frau Christine Henke aus Mainz erstellte auf der Grundlage der Zeichnung hierzu in aufwändiger Handarbeit ein in allen Details und Maßen exaktes 3D-Modell des kunstvollen Griffs. Thomas Flügen (Restaurator des Archäologischen Museums) fertigte in der Folge mittels einer Abgussform eine Kopie des Modells aus Kunstharz an. Die von Museumsmitarbeiter Wolfgang Block hergestellte Messerklinge wurde in der selben Konstruktionsweise im Griff verankert, wie sie bereits bei der Herstellung des Originals Anwendung gefunden hatte.
Als ursprüngliches Material des laut Zeichnungen ausgesprochen qualitätsvoll geschnitzten Griffs kommen sowohl das günstigere Bein, im römischen Kunsthandwerk fanden die großen Röhrenknochen des Rindes Verwendung, als auch das wertvolle Elfenbein in Betracht.
Die in ihren Details sehr genau gearbeitete Schnitzerei, die den Kämpfer dynamisch, mit großer anatomischer Präzession und proportionaler Genauigkeit abbildet, stellt den Gladiatorentypus eines murmillo in Kampfhaltung dar. Das Duell mit dessen Gegner, dem thraex, dominierte die Gladiatorenspiele der frühen Kaiserzeit und erfreute sich, genauso wie die variierte Kampfpaarung murmillo gegen hoplomachus, bis ins 3. Jahrhundert großer Beliebtheit beim Publikum der Amphitheater. Der klassische Großschildner sucht hinter seinem charakteristischen großen, gewölbten scutum, das ihm bis zur Kinnpartie reicht, Deckung. Das gewählte Motiv erfasst ebenso den defensiven Kampfstil dieser mit dem Kurzschwert (gladius) bewaffneten Gladiatorengattung, wie es sich aufgrund seiner Kompaktheit gut für die praktische Handhabung eines Messergriffs eignet.


Der am Angriffsarm getragene Schutz (manica), der bis über die Hand reichte, gehörte zur Standardausrüstung der Gladiatoren und beugte Verletzungen durch Zusammenstöße mit den scharfkantigen Schildrändern vor. Der Frankfurter Gladiator trägt – an der wulstartigen Struktur gut zu erkennen – eine aus gestepptem und gepolstertem Leinen gefertigte manica, die mit horizontalen Lederriemen verstärkt war, wie sie auf vielen Bildquellen zu sehen ist. Im Bereich der Hand verlaufen die Lederriemen gekreuzt. Am vorgestellten linken Bein ist der den murmillones eigene Beinschutz ausgearbeitet, ein dick gepolsterter und, wiederum durch horizontale Linien angedeutet, gesteppter Stiefel aus Leinen; die kurze, unterhalb des Knies ansetzende Beinschiene ist dagegen nur zu erahnen. Am weniger gefährdeten rechten Bein trägt der Kämpfer eine lederne Gamasche, deren Schnürung an der Innenseite des Knöchels zu sehen ist. Um den Leib hat er lediglich das Lendentuch (subligaculum) und einen breiten Gürtel (balteus) gelegt, der im Bereich des Rückens plastisch ausgearbeitete Oberkörper bleibt als Zeichen der Todesbereitschaft, eine der zentralen Tugenden der Gladiatoren, unbekleidet.


Der von einem hohen Kamm gezierte Helm des Kämpfers entspricht dem sogenannten Attisch-Böotischen Typ. Auch wenn die Ausgestaltung des Helms in manchen Details sehr zurückgenommen ist, lässt sich jedoch aufgrund des charakteristischen breiten Nackenschirms und der angedeuteten Wölbung, die den Visierbereich umschließt, feststellen, dass der Kunsthandwerker hier den Subtypus Berlin (nach M. Junkelmann) vor Augen hatte, der in dieser Form erst seit dem späteren 2. Jahrhundert Verwendung fand. Erst recht mag dies für den fachkundigen Betrachter römischer Zeit ersichtlich gewesen sein.
Die bei der Auffindung laut Inventarbuch noch teilweise erhaltene Klinge des Klappmessers war mittels eines Scharnierstifts, dessen Führungsloch auf der Zeichnung deutlich zu erkennen ist, beweglich im Griff verankert. Eine Manschette aus Silber- oder Bronzeblech sollte das Ausbrechen der dünnen Grifflappen verhindern. Römische Klappmesser mit rundem Rücken und gerader Schneide verfügten noch über keine Rückenfeder, demgemäß konnten die Klingen nicht festgestellt werden. Eine für gewöhnlich als Klingenrast dienende Kerbe ist auf der Zeichnung nicht angegeben.
Die kurze Länge des Griffs (9,2 cm), die sehr geringen Klingenstärken und die recht instabile Konstruktion des Klappmechanismus weisen darauf hin, dass es sich bei den kunstvoll geschnitzten Klappmessern weniger um Werkzeuge für den Alltag, als um Schmuckgegenstände gehandelt hat; häufig wird auch eine Verwendung als Rasiermesser vermutet.

 Das Inventarbuch verzeichnet den seltenen Fund (© AMF)


Auch wenn der kunstvolle Messergriff sicherlich kein lokales Produkt der römischen Siedlung NIDA darstellt, zeugt seine detailreiche Eleganz vom Wohlstand und der Lebensqualität, die auch im Hinterland des Limes Einzug gehalten hatte. In diesem prestigeträchtigen Fundstück könnte sich die Blütezeit, die NIDA zu Beginn des 3. Jahrhunderts erlebte, widerspiegeln.
Die Rekonstruktion des Gladiatoren-Messers ist in der römischen Abteilung der Dauerausstellung des Archäologischen Museums zu sehen. Außerdem kann der Frankfurter Gladiator in originaler Abformung als dekoratives Standfigürchen an der Museumskasse erworben werden.

Matthias Dieler

Der rekonstruierte Messergriff mit Klinge (© AMF)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Messergriff ist als originalgetreue Standfigur an der Museumskasse erhältlich (© AMF)