Aus der Abteilung Klassische Antike

Die scheinbar unscheinbaren Seiten griechischer Keramik

Griechische Vasen schätzt man vor allem ihrer Bemalung wegen. Auch die Vitrinen unserer Dauerausstellung sind daher voll mit Gefäßen, die das Leben der Griechen archaischer und klassischer Zeit, ihre Götter und Heroen in eindrucksvollen Bildern darstellen.
Gefäße haben aber auch unscheinbare Seiten: Unter- und Innenseiten, die für gewöhnlich unsichtbar bleiben, weil das Gefäß auf ihnen steht, der Deckel geschlossen ist, oder man durch die schmale Mündung nicht hineinsehen kann.

Nichtsdestoweniger sind diese unscheinbaren Seiten manchmal weitaus interessanter als die übrige Gefäßbemalung - so drei kleine, im Magazin aufbewahrte Vasen, zwei Lekythen und eine Pyxis, die alle im letzten Drittel des 4. Jh. v. Chr. getöpfert und in mäßiger Qualität mit dem in Apulien und Campanien bis zum Überdruss wiederholten Göttinnenkopf bemalt sind (Abb. 1). Während die Unterseiten an den meisten unteritalischen Vasen tongrundig belassen sind, ist die Unterseite der beiden campanischen Lekythen sorgsam zur Hälfte mit schwarzem Glanzton gedeckt, was man bei der Vorliebe der Griechen für Symmetrie ungern als Dekor verstehen möchte (Abb. 2). Wenn Unterseiten dekoriert sind, dann sieht man, wie an zwei Glanztonkeramiken attischer Provenienz, sauber zentrierte Kreismuster (Abb. 3). Ein solches Kreisornament entdeckt man auch an der apulischen Pyxis, sowohl im Inneren des Deckels als auch an der Unterseite des Büchsenteils, jedoch seltsam aus der Mitte verschoben und jeweils von zwei buchstabenähnlichen Zeichen begleitet (Abb. 4). Eine solche Buchstabenkennzeichnung findet sich hin und wieder auch an campanischer Glanztonware (Abb. 5).


Da Kreisornament und Zeichen absichtsvoll aufgebracht sind, müssen sie von Bedeutung gewesen sein. Allerdings wohl nicht für den Käufer, denn um einen Dekor dürfte es sich kaum handeln. Wahrscheinlicher ist, dass die Kennzeichnung eine Bedeutung für die Keramiker und den Herstellungsprozess der Gefäße hatte. Pyxisober- und -unterteil waren im Brennofen vermutlich an verschiedenen Stellen gestapelt. Dies machte eine Kennzeichnung notwendig, damit nach dem Brand die zusammengehörigen Teile wieder zusammenfanden. Eine ähnliche Funktion, nun aber bezogen auf den Töpfer, dürfte die Kennzeichnung einteiliger Gefäße gehabt haben. Wie in späteren Jahrhunderten schlossen sich auch in der Antike Töpfer zum Gemeinschaftsbrand zusammen. Wenn jeder Töpfer seinen Ofenanteil kennzeichnete, war einer falschen Zuordnung der fertig gebrannten Gefäße vorgebeugt. Dies mag umso wichtiger gewesen sein, je gleicher die Keramiken aussahen. Die in großer Menge hergestellten Lekythen mit Frauenkopf und die lediglich schwarz gedeckten, einander zum Verwechseln ähnlichen unteritalischen Glanztonwaren verlangen eine solche Kennzeichnung geradezu. Es dürfte daher nicht abwegig sein anzunehmen, dass die zur Hälfte mit Glanzton überzogenen Unterseiten unserer beiden Lekythen das Erkennungsmerkmal eines Töpfers für sein Brenngut waren. Jeder Töpfer, der eine Ofenfüllung beschickt hatte, konnte seine Ware auf diese Weise leicht von der seiner Kollegen unterscheiden, und es kam zu keinen Verwechslungen, die für den Töpfer eine finanzielle Einbuße bedeutet hätten.

 

Dagmar Stutzinger

Abb. 1: Campanische Lekythen und apulische Pyxis (Inv. X 18763. ß 622. ß 644) (© AMF)

 

 

 

Abb. 2: Böden der campanischen Lekythen (© AMF)

 

Abb. 3: Böden von attischem Skyphos (Inv. X 11518) und Schälchen (Inv. 72) (© AMF)

 

Abb. 4: Unter- und Innenansicht der Pyxisteile (© AMF)

 

 

Abb. 5: Boden eines campanischen Näpfchens (Inv. 89,39) (© AMF)