Ausstellungs-Rückblick

»Neue Funde aus dem Karmeliterkloster«
In den Jahren 2006/07 wurden im Zuge von Sanierungsarbeiten am Karmeliterkloster kleinere archäologische Untersuchungen durchgeführt, in deren Verlauf eine spätmittelalterliche Abfallgrube mit zahlreichen, hauptsächlich keramischen Funden zu Tage kam. Bereits im ausgehenden Mittelalter wurde der Befund durch einen Fußbodenbelag aus Schieferplatten und den Bau einer nordsüdlich verlaufenden Kalkbruchsteinmauer gestört.

Möglicherweise stehen diese baulichen Neuerungen in Zusammenhang mit dem Anbau des klösterlichen Priorats im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert. Mit diesem Anbau, der durch Kauf, Tausch oder Schenkung der dort bestehenden Wohnbebauung realisiert werden konnte, fand der Ausbau der Klosteranlage seinen Abschluss.
Das Fundgut der Kloake kann ins 13. bis 15. Jahrhundert datiert werden. Diese große zeitliche Spanne ist typisch für Abfallgruben, die – über einen längeren Zeitraum genutzt – immer wieder entleert werden mussten. Dabei blieb stets ein Teil der Einfüllung in der Grube zurück. Die Kloake wurde sicher schon in vorklösterlicher Zeit angelegt, könnte aber auch noch von den Karmeliten genutzt worden sein.
Im Fundspektrum dominieren die häufig unversehrt erhalten gebliebenen, engobierten Zylinderhalskannen gegenüber den älteren Schiefergrauen Kannen deutlich, gefolgt von fragmentierten irdenen Kochtöpfen. Neben wenigen Knochenfunden, weitgehend von Geflügel und Schwein, fand sich auch eine Anzahl teils qualitätsvoller Glasfragmente und Bruchstücke von Fensterglas.
So unscheinbar viele Bodenfunde bei flüchtiger Betrachtung auch erscheinen mögen, sind sie bei fachgerechter Bergung doch Brücken in vergangene Zeiten, die unverzichtbarer Teil unserer kulturellen Identität innerhalb einer Welt im Wandel geworden sind. Nur die Archäologie kann diesen unbewussten Schatz heben und Auskunft über die in den Bodenarchiven erhaltene Materialkultur, das Alltagsleben sowie die Strukturen der Frankfurter Bevölkerung jener dynamischen Epoche geben, die bis heute das Fundament unserer modernen Stadtgesellschaft bildet. Sie erforscht und bewahrt unser aller kulturelles Erbe für die kommenden Generationen.

 

Irdenware und frühes Steingut
Die hoch- und spätmittelalterliche Keramik lässt sich in Küchengeschirr, Tischgeschirr und sonstige keramische Produkte gliedern. Den spätmittelalterlichen Bedarf an keramischen Erzeugnissen der Frankfurter Bevölkerung deckten im Gegensatz zum Frühmittelalter weitgehend lokale Töpfereien.
In den Küchen benutzte man Irdenware, Gefäße aus weich gebranntem, porösem Ton, der meist mit Quarzsand gemagert ist, die bei Brenntemperaturen von etwa 900° C hergestellt wurden. Bei solchen Temperaturen können die mineralischen Bestandteile des Tons nicht verglasen, der Scherben bleibt porös. Das Gefäßmaterial besitzt somit die Eigenschaft, Wasser aufzunehmen, was durch die Verdunstungskühlung vorteilhaft sein kann. Andererseits war eine hygienische Reinigung kaum möglich, was die Nutzungszeiten der Gefäße erheblich beschränkte. Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts ging man zunehmend dazu über, die Innenseite der Gefäße zu glasieren und somit flüssigkeitsdicht zu machen. Durch die geringe Empfindlichkeit der Irdenware gegenüber plötzlichen Temperaturunterschieden eignete sie sich hervorragend als Kochgeschirr.
Erst ab dem 13. Jahrhundert konnten durch verbesserte Techniken höhere Brenntemperaturen erreicht werden. Ab dieser Zeit gelangten Frühformen des Steinzeugs auf den Markt. Dieses stark gesinterte Material war wasserdicht, was durch einen Überzug aus fein geschlemmtem Ton noch verstärkt wurde, sowie bruchfest. Dadurch waren sie als Tischgeschirr wie auch für die Bevorratung von Flüssigkeiten weitaus besser geeignet.
Den Siegburger Töpfereien gelang es ab etwa 1300, echtes Steinzeug zu brennen, welches bis ins 16. Jahrhundert vielerorts den Markt beherrschte. In Frankfurt finden sich jedoch nur wenige Fragmente dieser Handelsware, die in den Haushalten des gehobenen Bürgertums Verwendung fand.

 

Die Grüfte der Karmeliterkirche
Über die Siedlungsgeschichte und die Beschaffenheit der ersten Klosterbauten sind wir aus Urkunden oder Klosterdiarien nur unzureichend unterrichtet. Gesicherte Fakten über die frühe Baugeschichte der Karmeliterkirche erbrachten erst die Ausgrabungen des Archäologischen Museums Frankfurt in den Jahren 1981/82.
Im Jahr 1481 gründeten Kaufleute verschiedener Herkunft die bedeutende St. Anna-Bruderschaft. Sie hatte seit 1501 das vertraglich fixierte Recht, die St. Anna-Kapelle für ihre Andachten zu nutzen und die verstorbenen Mitglieder in ihrer Gruft zu bestatten. Die Inschrift des Verschlusssteins verkündet: h(i)c est sepultura fr(atru)m (dies ist die Begräbnisstätte der Brüder). Bei den archäologischen Grabungen konnten zahlreiche Sarg-Bestattungen in mehreren Schichten und eine große Zahl verstreut liegender menschlicher Skelette dokumentiert werden.
Unter dem Chorraum befinden sich zwei weitere Grüfte des 15. Jahrhunderts: Die nördlich gelegene war mit gotischen und barocken Bauteilen der Kirche verfüllt. In der südlichen Gruft fanden sich die Bestattungen einer Frau und eines Mannes, dessen Brustkorb mit pflanzlichem Material ausgefüllt war, was auf eine Schauaufbahrung des Toten hindeuten könnte. Möglicherweise handelt es sich hier um Johann von Holzhausen, den Stifter des Chors. Er könnte nach seinem Tode im Jahre 1424 in der Gruft beigesetzt und einige Jahre später, in der feierlichen Messe zur Einweihung des Chores, mit einer Aufbahrung geehrt worden sein.
Im 18. Jahrhundert wurden weitere Grüfte angelegt, darunter die Gruft der Familie Pietro Antonio Brentano, die Bettina von Arnim in einem Brief an Goethe erwähnt. Bei den archäologischen Untersuchungen konnten noch zwei Erwachsene, drei Jugendliche und ein Kleinkind unter den Bestattungen nachgewiesen werden.
Vor der Entweihung der Kirche im Jahre 1809 wurden einige Bestattungen auf Friedhöfe umgebettet, andere Grabstellen wurden in Zeiten der profanen Nutzung des Gebäudes auf der Suche nach Wertgegenständen durchwühlt.

 

Die archäologischen Funde aus den Grüften
Die Funde der Ausgrabungen des Archäologischen Museums Frankfurt der Jahre 1981/82 geben ein anschauliches Zeugnis der Frömmigkeit der Frankfurter Bevölkerung in der frühen Neuzeit. Aufgrund des Sauerstoffmangels in den abgeschlossenen Grüften blieben organische Materialien in gutem Zustand erhalten. Dies gilt sowohl für die Vielzahl christlicher Fundstücke, die das Seelenheil der Toten sichern sollten, als auch für die Skelette und Weichteile der bestatteten Leichname, die durch die Erhaltungsbedingungen teilweise mumifizierten.
In der Gruft der St. Anna-Kapelle wurden mehrere mit Heiligen- oder Christusdarstellungen verzierte Wallfahrtsmedaillen aus dem 17. und 18. Jahrhundert geborgen, bis heute ein beliebtes Souvenir katholischer Wallfahrer. Ein kleines Kruzifix wurde einem der Toten im 16. Jahrhundert in die Hände gelegt. Die Vorderseite zeigt den aufgemalten Corpus Christi in weißer Farbe; bei der Mönchsdarstellung könnte es sich um den Ordensstifter der Karmeliten handeln.
In das Totengewand eines der Bestatteten war ein Schatz aus 19 damals gängigen französischen Münzen eingenäht. Handelt es sich hier vielleicht um einen reichen Kaufmann, der bei einem Aufenthalt in Frankfurt verstorben und in der Gruft der Bruderschaft beigesetzt worden ist?
In einer Gruft unterhalb des Chores hatte man einem der Toten ein Brustkreuz mitgegeben. Die spezielle Darstellung des Corpus weist auf die Glaubensrichtung der Jansenisten hin, eine insbesondere in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert verbreitete Strömung, die sich auf die Gnadenlehre des Augustinus berief. Außerdem fanden sich mehrere sogenannte Skapuliere (s. Foto, © AMF). Diese Stoffstücke wurden paarweise auf Brust und Rücken getragen

und sollten, gemäß einer Verheißung der Jungfrau Maria, vor den Feuern der Hölle bewahren.
Für den Grabhorizont des 18. Jahrhunderts typisch sind die Funde der Gruft der Familie Brentano. Die weibliche Bestattung – wohl Maximiliane Brentano – hatte einen Kamm, einen goldenen Fingerreif, einen Skapulier, ein Brustkreuz und einen Rosenkranz mit anhängendem Intarsienkreuz bei sich. In dieser Zeit ebenfalls verbreitet waren Passionsrosenkränze mit figuralen Perlen, die das Leiden Christi symbolisieren.

 

Matthias Dieler

Die Besucher erfuhren in unterhaltsamen Führungen viel über Archäologie und Geschichte des Karmeliterklosters (© AMF)

 

 

Das Fundgut der Kloake kann ins 13. bis 15. Jahrhundert datiert werden. Diese große zeitliche Spanne ist für Abfallgruben typisch (© AMF)